Im Stau - SPEAKER'S CORNER - LDFF - Sönd Willkomm!!!

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Im Stau

LDFF - Sönd Willkomm!!!
Herausgegeben von in Allgemeines ·
Um ca. 6:40 Uhr in Flawil abgefahren und jetzt, im Radio24 sind die 7-Uhr Nachrichte soeben vorbei, bin ich schon im Kanton Zürich. Die Verkehrshinweise im Radio lassen jedoch nichts Gutes erahnen. Kurz vor Oberwinterthur beginnt es schon wieder zu stauen…

Ich stellte einmal mehr die Frage, was wir in der Schweiz alles bereit sind zu investieren (ich verzichte hier bewusst auf den Term opfern), um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Welche Gestehungskosten sind wir bereit in Kauf zu nehmen und wofür?

Eine vielleicht bereits leicht philosophische Frage, doch möchte ich sie etwas 'handfester' beleuchten. Schliesslich stehe ich an beinahe jedem Arbeitstag, den ich im Grossraum Zürich absolvieren, im Stau. Ja, es gibt Ausnahmen, während der Ferien, zwischen Weihnachten und Neujahr, rund um Ostern und immer dann, wenn ich an lokalen Feiertagen (Knabenschiessen oder dem Tag der Arbeit) in Richtung Zürich fahre.

Weshalb ist mir diese Themenstellung wichtig? Ganz einfach. Pro ZH-Arbeitstag verliere ich durchschnittlich zwei Stunden und 25 Minuten Lebenszeit im Auto – mehrheitlich auf der Autobahn. Das sind pro Woche knapp zehn Stunden (wenn ich einen Home-Office-Tag pro Woche rechne), im Monat rund 41 Stunden (eine ganze Arbeitswoche!!!) und im Jahr ca. 485 Stunden!!! Das entspricht beinahe 21 Tagen à 24 Stunden.

Achtung, ich will hier nicht jammern! Mein Job gefällt mir, in meinem Team fühle ich mich wohl und schliesslich habe ich mir das Stellenangebot selbst rausgesucht, mich darauf beworben und damit gewusst, dass ich pendeln werde. Also, alles im grünen Bereich. Aber dennoch frage ich mich bei jeder Fahrt (und das sind zwei pro Tag), was zu investieren ich bereit bin.

Wenn ich mir die Zahlen im vorletzten Abschnitt so anschaue, stelle ich fest, dass ich pro Monat die Zeit von rund 'fünf' Arbeitswochen "verbrauche". Dabei muss ich jedoch eingestehen, dass davon eine ganze Woche als unproduktiv taxiert werden muss. Und zwar gänzlich unproduktiv (eigentlich eher destruktiv – wenn die Umweltbelastung mitberücksichtigt wird), da ich ja während des Weges nicht arbeiten kann. Alternativen sind folglich gefragt.

Umsteigen auf den Zug
Ja, dies wäre in der Tat eine Möglichkeit. Vorteile wären, dass ich den täglichen Staus entgehen würde, während der Reise – die im Übrigen gesamtheitlich kaum länger wäre – arbeiten oder mich entspannen, etwas lesen / studieren könnte aber auch einfach nur schlafen könnte. Zudem will man mir weiss machen, dass ich auch umweltmässig ein besseres Gewissen haben könnte. Dies allerdings gälte es noch abschliessend zu beweisen. Hallo, wenn ich das so anschaue, dann kaufe ich mir gleich morgen ein Generalabonnement und fahre künftig mit dem Zug zur Arbeit. Was aber veränderte sich damit noch? Meine 'Freiheit' selbst zu entscheiden wann ich zu Hause oder bei der Arbeit abfahre gebe ich auf. Kurz noch zehn Minuten lang etwas beenden, bevor ich nach Hause fahre – gäbe es künftig nicht mehr, der Zug wartet nicht (wie mein Auto) bis ich komme. Platz ist in der zweiten Klasse nicht garantiert (in der 1. Klasse nota bene auch nicht – doch die Aussichten auf einen Sitzplatz sind etwas grösser) und ein GA für die 1. Klasse ist wesentlich teurer, als alles, was ich heute fürs Auto (inkl. Parkplätzen) ausgebe.
Kurz zusammengefasst: weniger flexibel und merklich teurer, folglich keine Option.

In der Ostschweiz arbeiten
Diese Option bedingte, dass ich in der Ostschweiz (möglichst im Raum St. Gallen selbst) einen Job finden würde. Als Fachidiot im Bankbereich kein wirklich einfaches Unterfangen; speziell unter Berücksichtigung, dass ein fast 50-jähriger auf dem Arbeitsmarkt derzeit grundsätzlich nicht mehr sehr gefragt ist. Neben zu teuer heisst es immer wieder überqualifiziert; dabei vergessen die Arbeitgeber jedoch oft, dass eine (allfällig bestehende) Überqualifikation der Firma ja quasi gratis zur Verfügung gestellt wird. Ältere Arbeitnehmer haben nämlich auch die Angewohnheit, ihr Know-how, ihre Kenntnisse und Erfahrungen umfassend einzubringen. Zudem würde ich der Politik einen Gefallen tun. Schliesslich möchten Bundespolitiker (unsere Doris Leuthard allen voran) die Pendler während der Stosszeiten zusätzlich zur Kasse beten (auf Strasse und Schiene). Auch in den Kantonen ist das Pendeln nicht mehr wirklich gerne gesehen – wurden doch die steuerlich absetzbaren Pendlerabzüge in der Ostschweiz mehrheitlich plafoniert. Dabei vergass die Stimmbevölkerung ganz einfach zwei relativ wichtige Punkte, welche durch die Politik auch gerne weggelassen wurden.

  • Die Ostschweiz bietet nicht mehr ausreichend gut dotierte Stellen. Wichtige Arbeitgeber haben ihre Fachkräfte in Zentren gebündelt. Dies geschah, ob das nun sinnvoll ist oder nicht, meist in Gebieten mit hohen Kosten (Zürich, Basel, Genf, Bern). Folglich darf davon ausgegangen werden, dass Pendler ausreichend gut verdienen, um überdurchschnittlich hohe Steuerbeiträge zu bezahlen. Davon gäbe es ohne Pendler deutlich weniger!
  • Als ehemaligem Arbeitslosen ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich alles unternehmen muss, um die Staatskasse zu entlasten. Als Arbeitsloser bin ich gezwungen, ein Stellenangebot anzunehmen, das distanzmässig zumutbar ist. Als zumutbar gilt eine tägliche Pendlerzeit von bis zu vier Stunden (pro Tag). Konkret heisst dies, dass jemand, in Wil (SG) wohnhaft eine Arbeitsstelle in Bern oder Basel anzunehmen, dies auch für den schweizweiten Medianlohn von SFr. 6'189.-- brutto pro Monat (Quelle: http://www.nzz.ch/wirtschaft/die-lohnunterschiede-nehmen-ab-1.18655119, abgerufen am 7. 11.2016).
 Für das erzwungene Pendeln könnte jedoch maximal ein GA 2. Klasse – derzeit SFr. 3'655.00 (Stand: 7.11.2016, abgerufen auf   http://www.sbb.ch/abos-billette/abonnemente/ga/preise.html) – in Abzug gebracht werden.
Kurz zusammengefasst: wenig passende Jobs und zu alt / teuer, also auch keine Option

Oh, bereits Winterthur-Wülflingen; es ist aber auch schon wieder 7:34 Uhr. Das heisst, dass ich in diesem Stau 'nur' noch bis Winterthur-Töss durchzuhalten habe, dann gibt es wieder freie Fahrt.

Freie Fahrt? Ok, zumindest bis Effretikon, wenn ich Glück habe bis fast Brüttisellen kann ich dann wieder fahren, bevor ich im nächsten Stau erneut darüber sinnieren kann, was ich bereit bin, an Gestehungskosten zu akzeptieren oder was ich ändern kann, muss oder soll.

Mein Papi sagte immer: "Wenn etwas anders wird, heisst das nicht automatisch, dass es besser wird. Soll es jedoch besser werden, muss es zwingend anders werden!"

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Tag mit wenig Leerlauf!

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